Muttermilch.

Sie dachte, sie erforsche nur Muttermilch…


2008 arbeitete Katie Hinde in einem Primatenforschungslabor in Kalifornien und starrte auf Daten, die sich hartnäckig weigerten, sich so zu verhalten, wie es gängige wissenschaftliche Modelle vorhersagten.
Sie analysierte Muttermilch von Rhesusmakaken-Müttern — Hunderte Proben, Tausende Messwerte. Und immer wieder zeigte sich ein Muster, das sich mit den bisherigen Regeln der Wissenschaft nicht erklären ließ:
Mütter mit Söhnen produzierten Milch mit höherem Fett- und Proteingehalt.

Mütter mit Töchtern produzierten größere Milchmengen, jedoch mit anderen Nährstoffverhältnissen. Das war kein Zufall. Es war Anpassung.

Ihre Kollegen winkten ab: Messfehler, Datenrauschen.
Reiner Zufall.

Doch die Zahlen sagten etwas Radikales: Milch ist nicht nur Nahrung. Sie ist Information.

Über Jahrzehnte hinweg behandelte die Wissenschaft Muttermilch eher wie Treibstoff — Kalorien rein, Wachstum raus. Doch wenn das stimmen würde, warum veränderte sich die Zusammensetzung der Milch je nach Geschlecht des Kindes?

Katie begann, tiefer zu graben.

Sie untersuchte die Milch von mehr als 250 Müttern in über 700 Proben. Und das Bild wurde komplexer.
Junge Erstgebärende produzierten Milch mit geringerem Kaloriengehalt, jedoch deutlich erhöhten Cortisolwerten — dem Stresshormon. Babys, die diese Milch tranken, wuchsen schneller, waren jedoch auch wachsamer, ängstlicher und weniger selbstsicher.

Milch formt nicht nur Körper. Sie formt auch Temperament.
Dann folgte eine Entdeckung, die selbst Skeptiker überraschte.
Beim Stillen gelangen winzige Mengen des Speichels des Babys durch die Brustwarze zurück in das Brustgewebe der Mutter. Dieser Speichel trägt Informationen über den Immunzustand des Kindes. Wird ein Baby krank, erkennt die aufmerksame Mutter dies schneller. Innerhalb weniger Stunden verändert sich auch die Zusammensetzung der Milch. Die Zahl der weißen Blutkörperchen steigt an und Antikörper erscheinen. Heilt das Baby, kehrt die Milch zu ihrem ursprünglichen Zustand zurück.

Kein Zufall. Natürliche Interaktion.

Ein biologischer Dialog — uralt, präzise und über Jahrhunderte hinweg für die Wissenschaft unsichtbar.

Im Jahr 2011 wechselte Katie nach Harvard und betrachtete die Forschungslandschaft insgesamt. Was sie sah, war beunruhigend.

Es gab doppelt so viele Studien zu erektiler Dysfunktion wie zur Zusammensetzung von Muttermilch. Die erste Nahrung jedes Menschen, die Substanz, die unsere Spezies prägt, ist völlig unterbelichtet.

Also tat Katie etwas Mutiges.

Sie gründete einen Blog. Innerhalb eines Jahres erreichte der Blog über eine Million Leser — Eltern, Ärzte, Wissenschaftler und Menschen, die Fragen stellten, welche die Forschung bislang ausgelassen hatte.
Und die Erkenntnisse häuften sich weiter.
Die Zusammensetzung der Milch verändert sich im Laufe des Tages — der Fettgehalt erreicht am späten Vormittag seinen Höhepunkt.
Vormilch unterscheidet sich von Hintermilch — längeres Stillen liefert nährstoffreichere Milch.
Muttermilch enthält über 200 Oligosaccharide, die Babys nicht verdauen, da sie dazu dienen, nützliche Darmbakterien zu ernähren. Und:
Die Milch jeder Mutter ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck.

Heute forscht Dr. Katie Hinde weiter daran, wie Milch die menschliche Entwicklung von den ersten Lebensstunden an beeinflusst. Die Tragweite dieser Erkenntnisse ist enorm.

Was die Wissenschaft lange als „einfache Ernährung“ abtat, entpuppt sich als eines der komplexesten Kommunikationssysteme der Biologie.

Katie Hinde hat nicht nur Milch erforscht.

Sie zeigte, dass die älteste Form der Ernährung zugleich die intelligenteste ist, weil sie ein lebendiger, Austausch zwischen zwei Körpern ist, noch bevor wir sprechen können.

Es sollte mehr Wissenschaftler geben, die sich weigern, Daten als bloße „Messfehler“ abzutun.

Quelle: Aus dem Telegram-Kanal von Simone Voss via Dr. Maria Hubmer-Mogg